Die Turbine beschreibt sich
Ein als Werbeprospekt getarntes Kunstwerk soll die Bürger Weimars über politische Missstände in ihrem Vorgarten aufklären, ein »Chaosstecker« legt per Kurzschlussverursachung ein Stromnetz lahm und grünbemalte Kürbiskerne werden als Samen fleischfressender Monsterpflanzen verkauft. Warum?
Versuchen sieben Gestalter der Bauhaus-Universität Weimar und ein paar Freunde aus Bozen, die sich jüngst unter dem Namen TURBINE zu einer undefinierten Gruppierung zusammenfanden und genauso undefiniert arbeiten, ihrem fragwürdigen Tun eine Legitimation mit dem Begriff »Kunst« zu verpassen? Scheinen sie das »Warum« zunächst mit einem infantilen »Darum« zu umgehen, sind sie bei genauerer Betrachtung zielstrebig in die Ziellosigkeit gelaufen und steuern nun ihrer inneren Stimme folgend - »lemming-like« in eine Art postpubertäre Selbstfindungskrise.
»Art-typisch« müssen nun Grenzen ausgetestet werden, um schließlich die richtige Richtung zu finden. Doch wo liegen diese Grenzen? Sicherlich sind sie nicht Kunst-immanent, aber viel mehr in der Grauzone einer florierenden Kunst- und Kulturindustrie zu finden. Der ausrollbare Wohnzimmerteppich als portabler Zebrastreifen oder ein Hakenkreuz-Bumerang sind bereits im Sortiment. Ein praktischer Ratgeber zur Erschaffung einer Künstlergruppe ist in Arbeit.
Solche Arbeiten deuten eine Ausrichtung durch eine Art massengerecht konsumierbarer Tiefgang bereits an. Sie spiegeln dabei nicht wie etwa ein Koons, den kulturellen Verfall durch banale Kitschgegenstände, sondern hinterfragen und reflektieren nach dem Credo: »Bilde Künstler, rede nicht«, aktuelle Zu- und Missstände der Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur. Dabei platzieren sie ihre Arbeiten wie trojanische Pferde in der Gesellschaft, die Botschaft greift hinterrücks an, wenn die Scheuklappen erst einmal geöffnet sind. Im Kampf um Aufmerksamkeit hat die Werbe-, Kultur- und Medienindustrie ihre psychologischen Kampfstoffe pefektioniert und droht somit, unsere Hochkultur barbarisch zu vernichten.
Die Turbine hat den Feind studiert und nun bleibt im Angesicht der ungleichen Armeen nur noch die Befürchtung, sie könnten schließlich doch noch die Fronten wechseln. Aber dafür ist es wahrscheinlich zu spät, denn zwischen den schwer fixierbaren Fronten pendelt sich die Turbine nun ein und liegt damit vielleicht in der goldenen Mitte oder im Kreuzfeuer.
